Geschichte

Ein so alter und inter­es­san­ter Stadt­teil wie der Moritz­berg ver­fügt erwar­tungs­ge­mäss über eini­ge Bau­wer­ke, die ver­dient die Bezeich­nung „Denk­mal“ tra­gen. Neben vie­len ande­ren gehö­ren dazu sowohl die Mau­ri­ti­us­kir­che wie auch das Alte Brau­haus und ver­schie­de­ne der alten Stifts­hö­fe. Die Bau­wer­ke um den Berg­brun­nen sind in ihrer Gesamt­heit orts­ty­pisch und ste­hen daher unter Ensem­ble­schutz. Dar­über hin­aus gibt es vie­le wei­te­re Denk­ma­le, die hier aber uner­wähnt blei­ben.
Das nie­der­säch­si­sche Lan­des­amt für Denk­mal­pfle­ge (NLD) in Han­no­ver unter­hält ein Ver­zeich­nis, um einen Über­blick über die Denk­ma­le im Land zu haben. Gebäu­de mit denk­mal­be­grün­den­den Eigen­schaf­ten sind in die­sem Ver­zeich­nis mit Text und Foto doku­men­tiert. Die Kar­tie­rung der nie­der­säch­si­schen Denk­ma­le fand in den 1980er Jah­ren statt. Bei der gro­ßen Anzahl his­to­ri­scher Bau­ten ist es ver­ständ­lich, dass hier und da auch eini­ge Bau­wer­ke dem Blick des NLD ver­bor­gen blie­ben und der Lis­te erst spä­ter hin­zu­ge­fügt wur­den.

Auf dem Moritz­berg befin­det sich ein sol­ches „unent­deck­tes“ Bau­denk­mal. Lan­ge Jah­re schlief es einen „Dorn­rös­chen­schlaf“. Vie­le Moritz­ber­ger kann­ten das Bau­werk, sein kul­tur­his­to­ri­scher Wert war aller­dings den meis­ten Men­schen nicht deut­lich.

Ver­bor­gen im Fel­sen des Kreh­la­ber­ges, hin­ter einem unschein­ba­ren Ein­gang ver­steckt, befin­det sich zwi­schen Elzer Stra­ße und Zie­ren­berg­stra­ße, unter­halb der städ­ti­schen Kin­der­ta­ges­stät­te der sehr ein­drucks­vol­le Eis­kel­ler der ehe­ma­li­gen Vic­to­ria-Braue­rei. Unbe­ach­tet und ohne wesent­li­che, von Men­schen ver­ur­sach­te Ein­grif­fe über­dau­er­te er die Zeit.

Ange­legt wur­de der Eis­kel­ler 1872 von der Hil­des­hei­mer Brau­er­gil­de. Bis 1905 wur­de er dann genutzt, um das Bier der gegen­über­lie­gen­den Vic­to­ria-Braue­rei zu lagern und zu küh­len. Nach dem Kon­kurs der Braue­rei wur­de der Kel­ler bis 1939 nicht mehr genutzt. Zwi­schen 1939 und 1945 dien­te er als Luft­schutz­raum. Nach Kriegs­en­de 1945 blieb der Eis­kel­ler unge­nutzt, 1957 wur­de der Ein­gang zuge­mau­ert. 1958 wur­de das „Fel­sen­kel­ler­ge­län­de“ an die Stadt Hil­des­heim ver­kauft, die in den Jah­ren 1960/1961 eine Kin­der­ta­ges­stät­te über dem Eis­kel­ler bau­te. Die Kin­der­ta­ges­stät­te wur­de auf einer auf­wen­di­gen Stahl­be­ton­kon­struk­ti­on errich­tet. Die­se lei­tet die Las­ten aus der Kin­der­ta­ges­stät­te ins Erd­reich, ohne die Gewöl­be des Eis­kel­lers zu belas­ten.

1991 wur­de der Zugang zum Eis­kel­ler geöff­net und mit einer Stahl­tür ver­se­hen. 1992 wur­de der Eis­kel­ler für ein Pro­jekt der Uni Hil­des­heim genutzt. Ende 1998 wur­den die Gewöl­be des Kel­lers auf Initia­ti­ve des Ver­eins Kul­tur und Geschich­te vom Ber­ge als mög­li­che Beschäf­ti­gung für zwei ABM-Kräf­te in Augen­schein genom­men. Der Ein­satz der Arbeits­kräf­te wur­de auf­grund des Umfangs der nöti­gen Arbei­ten zunächst zurück­ge­stellt, aber die Ver­mes­sung der Gewöl­be durch den Fach­be­reich „Ver­mes­sung und Geo­da­ten“ der Stadt Hil­des­heim wur­de ver­an­lasst und fand am 14. Dezem­ber 1998 statt. Bei einer Orts­be­ge­hung Mit­te 1999 wur­de Pro­fes­sor Thumm von der Fach­hoch­schu­le Hil­des­heim auf den Kel­ler auf­merk­sam und schlug mir das Bau­werk als The­ma einer Diplom­ar­beit vor. Nach­dem der Kel­ler nun fast 95 Jah­re nicht mehr sei­nem Zweck ent­spre­chend genutzt wur­de, fand im Rah­men mei­ner Diplom­ar­beit im Win­ter­se­mes­ter 1999/2000 eine bau­his­to­ri­sche Unter­su­chung und eine Bau­auf­nah­me statt. Über die Doku­men­ta­ti­on bau­ge­schicht­li­cher Zusam­men­hän­ge und die Klä­rung der gegen­wär­ti­gen gesetz­li­chen Grund­la­gen wur­de im Zusam­men­hang mit einer Sanie­rung ein geeig­ne­tes Nut­zungs­kon­zept ent­wi­ckelt und aus­ge­ar­bei­tet. Der bau­li­che Zustand des Kel­lers wur­de zeich­ne­risch, text­lich und foto­gra­fisch doku­men­tiert. Die vor­ge­nann­ten Unter­su­chun­gen bil­de­ten die Grund­la­ge einer kul­tur­his­to­ri­schen Ein­ord­nung und einer denk­mal­pfle­ge­ri­schen Bewer­tung.

Der Kel­ler in der Elzer Stra­ße 47 doku­men­tiert auf ein­zig­ar­ti­ge Art und Wei­se eine Etap­pe der Geschich­te des Brau­we­sens in Hil­des­heim. Es gibt zwar wei­te­re Kel­ler­an­la­gen in Hil­des­heim, die als schüt­zens­wer­te Denk­ma­le bekannt sind, aber die­se wur­den nicht im Zusam­men­hang mit der Bier­braue­rei erbaut. In das Ver­zeich­nis der Denk­ma­le Nie­der­sach­sens ist kei­ne im Zusam­men­hang mit der Braue­rei ste­hen­de Kel­ler­an­la­ge auf­ge­nom­men wor­den. Der Denk­mal­wert des Vic­to­ria-Eis­kel­lers auf dem Moritz­berg fin­det sich in den kon­struk­tiv gut und weit­ge­hend ori­gi­nal erhal­te­nen fünf unter­ir­di­schen Gewöl­ben. Als Bei­spiel zweck­mä­ßi­ger Indus­trie­ar­chi­tek­tur des aus­ge­hen­den 19. Jahr­hun­derts ist sei­ne Aus­sa­ge­kraft durch klei­ne­re Schä­den und Umbau­ten nicht ein­ge­schränkt wor­den. Schä­den las­sen sich behe­ben, Umbau­ten zurück­bau­en, ohne die denk­mal­be­grün­den­den Eigen­schaf­ten zu ver­lie­ren.

Erhal­tens­wert ist der Eis­kel­ler, da, obwohl er ein­fach und schmuck­los gebaut wur­de, ihm doch ein hoher kul­tur- und kunst­his­to­ri­scher Zeug­nis­wert inne­wohnt. Kul­tur­his­to­ri­sches Inter­es­se lei­tet sich aus dem Bau­werk als Infor­ma­ti­ons­quel­le im Zusam­men­hang mit dem Brau­we­sen ab, kunst­his­to­risch wert­voll ist das Bau­werk als Werk der Bau­kunst, als Archi­tek­tur. Die kla­re linea­re, auf den Eis­la­ger­kel­ler gerich­te­te Form der Bier­la­ger­kel­ler asso­zi­iert bei­na­he Gedan­ken an sakra­le Archi­tek­tur. Ver­stärkt wird die­ser Ein­druck durch die Grö­ße der Gewöl­be und durch die Stei­gung vom Ein­gangs­be­reich zum Eis­la­ger­kel­ler.

Die Pro­ble­ma­tik his­to­ri­scher Kel­ler­an­la­gen fin­det sich in deren Unschein­bar­keit. Der Eis­kel­ler ist nicht in das Denk­mal­ver­zeich­nis auf­ge­nom­men wor­den, weil er ein­fach über­se­hen wor­den ist. Vie­le ande­re schüt­zens­wer­te Kel­ler wer­den eben­falls über­se­hen wor­den sein, mit der Fol­ge, dass Aspek­te des Denk­mal­schut­zes bei Umbau- oder Abriss­mass­nah­men nicht berück­sich­tigt wor­den sind. Es ist also zu ver­mu­ten, dass bereits eini­ge his­to­ri­sche Kel­ler­bau­wer­ke ver­nich­tet wur­den, ohne dass deren Wert erkannt wur­de.

Alex­an­der Bus­se
aus: Moritz vom Ber­ge, Stadt­teil­zei­tung Hil­des­heim-West, März 2000